Feuerpferd und so
Das ist bereits ihr dritter Aufenthalt bei uns, Frau Kummer.
Er saß da mit seiner Levis-Jeans und sagte diesen Satz, als ob Marnie darauf irgendetwas antworten sollte. Ihr fiel nichts ein, außer:
Ich weiß.
Ihr Wasserglas stand noch unberührt vor ihr. Sie betrachtete die Taschentücherbox und fragte sich, ob sie gleich noch davon Gebrauch machen würde.
Wie geht es Ihnen damit?
Ja, nicht so gut. Sie denken, ich hätte nichts gelernt, oder?
Hm, sprach Dr. Hertz und sah Marnie an. Dr. Hertz – ein Name, als ob ihn sich jemand ausgedacht hätte.
Aber eigentlich geht es mir gut, sagte Marnie weiter. Ich hab mich trotzdem eingewiesen, weil es diesmal anders ist. Die jungen Leute sagen immer, es ist nicht so deep, aber diesmal ist es irgendwie deep. Anders. Anders deep. Checken Sie, Herr Doktor?
Marnie sagte den letzten Satz mit einer Prise Gen-Z-Ironie.
Erzählen Sie doch einfach mal, was diesmal so Deepes passiert ist.
War das passive Aggression vom Doktor? Marnie registrierte es, ignorierte es. Vielleicht wollte er jung wirken. Sie setzte sich auf.
Ich weiß wie immer nicht, wo ich anfangen soll. Aber egal. Sie nahm einen Schluck Wasser. Ich hab Anfang des Jahres jemanden kennengelernt, übers Internet. Ganz random. Keine Dating-App. Ich war bei Gott nicht auf der Suche. Aber dann war da halt dieser Mann. Ich hab mich irgendwie direkt zu ihm hingezogen gefühlt, weil er so offen über Dinge gepostet hat, die ihm widerfahren sind. Über viel Schlechtes. Da konnte ich direkt relaten. Aber das allein war es nicht, weil schließlich widerfahren vielen Menschen viele schlechte Dinge. Es war seine Art, wie er darüber geschrieben hat. Das war intelligent und vor allem eins, nämlich lustig. Selbstironisch. Sie wissen, ich liebe das. Das ist meine Achillesferse, romantischer Art oder so ähnlich. Na ja, und dann sind wir so random über Sriracha-Soße ins Gespräch gekommen, sind uns dann auf Insta gegenseitig reingefolgt und sind seitdem quasi täglich in Kontakt, bis heute.
Sie haben immer noch Kontakt?
Ja, und das ist auch unter anderem das, was anders ist. Aber da bin ich ja noch nicht. Erzähle ich falsch?
Nein, nein. Sie erzählen einfach weiter.
Okay. Also, Sie checken nicht, wie ramontisch das war. Also, so alternativ ramontisch, nicht klassisch romantisch. Es war, als würde ich mit mir selbst schreiben. Wie mit einem Spiegel. Und das hat er auch so gesehen und gesagt. Er hat sowieso wahnsinnig viel Richtiges gesagt, Dinge, die ich sonst sage. Aber es war nicht gruselig oder so, nie, sondern eher so, als würde man nach Hause kommen. Er hat mich gestalkt. Er hat mein gesamtes Instagram durchforstet, kommentiert, gelobt, und so weiter. Das hat mir total geschmeichelt. Er hat Fragen gestellt. Viel geschrieben. Irgendwann haben wir Nummern getauscht, beziehungsweise war das mein Fehler, so im Nachhinein betrachtet, wissen Sie? Ich hab ihn gedrängt, mich nach meiner Nummer zu fragen.
Sie waren schon über Instagram in Kontakt und dann wollten Sie seine Nummer haben?
Bescheuert, oder? Aber das ist es nicht mal. Schließlich will man irgendwie ja doch die Nummer von jemandem haben, mit dem man sich gut versteht, das ist irgendwie wichtiger, echter, intimer, oder nicht? Aber mein Fehler bestand darin, dass ich vorschnell war und das Ganze auf diese Dating-Ebene gebracht hab. Ich hab ihm gesagt, ich sei altmodisch und er müsse mich schon nach meiner Nummer und nach einem Date fragen. Warum hab ich das gemacht? Mir war doch klar, dass er, genau wie ich, gerade nicht in der Verfassung ist, zu daten.
Warum ist oder war er nicht in der Verfassung, zu daten?
Na ja, er hat einige Probleme mit sich selbst und so, Schulden, Trennungen, die er noch verarbeitet. Leben halt. Er ist übrigens auch geschieden und hat Kinder.
Da hatten Sie also eine Gemeinsamkeit. Viel Potential zum Austausch.
Ja ja, aber das ist ja noch nicht alles. Geschieden und Kinder, das ist ja in meinem Alter keine Seltenheit mehr. Da sind so viele Gemeinsamkeiten mehr, das können Sie sich eigentlich nicht vorstellen. Aber es ist eher so ein same same but different Gefühl. Wir viben gemeinsam, aber jeder hat sein eigenes Ding, seine eigenen Talente und Metiers, falls das irgendwie Sinn ergibt. Ich … Ich hab grad das Gefühl, ich verfranse mich gerade.
Marnie schaute aus dem Fenster. Ihr Blick verwässerte sich.
Was sind das für Gemeinsamkeiten? fragte der Doktor.
Ach, keine Ahnung. Der Humor zum Beispiel. Es macht mich glücklich, mit ihm zu kommunizieren. Immer wenn wir telefonieren, geht es mir danach besser. Das will doch was heißen? Egal. Er spielt Basketball. Ich hab als Teenager die NBA verfolgt und liebe es, Körbe zu werfen bei Stress. Er hat einen ganz ähnlichen Musikgeschmack und hört eigentlich alles, was gut ist, genau wie ich. Er kommt aus der Werbung, genau wie ich. Er kann sich unheimlich gut ausdrücken, interessiert sich fürs Copywriting. Er hat psychische Schäden aufgrund eines verkorksten Elternhauses, weitaus schlimmer als ich, aber ich fühle. Er ist auch neurodivergent. Er hat viele Interessen, man kann ihn nicht in eine Schublade stecken, er ist genial und voller Selbstzweifel – wie ich.
Warum sind Sie dann hier, Frau Kummer? Was ist da schiefgelaufen?
Ja …, seufzte Marnie. Wenn ich das wüsste. Ich glaub, ich krieg das hier nicht auf die Kette.
Marnie nahm sich ein Taschentuch aus der Box und fing erst dann an zu schluchzen, als es an ihrem Gesicht war. Gnädig nahm das Taschentuch ihren Schmerz in sich auf. Es wurde ja schließlich dafür geschaffen.
Wollen wir vielleicht eine kurze Pause machen? fragte der Doktor. Marnie mochte die Sneaker vom Doktor. Es waren Nikes. Und er war ein cooler Millennial-Doktor in einer coolen Millennial-Psychiatrie für gebrochene Herzen.
Ich weiß es nicht, flüsterte Marnie ins Taschentuch hinein. Der Doktor hielt kurz inne und sagte dann:
Wir machen Folgendes: Sie legen sich jetzt einfach hier auf den Teppich. Nehmen Sie sich das Kissen, wenn Sie mögen, und legen Sie sich einfach hin. Der Teppich ist schön flauschig, das wird Ihnen gefallen.
Marnie legte sich direkt hin.
Und dann ruhen Sie sich einen Moment aus und wenn Sie so weit sind, erzählen Sie einfach weiter. Oder eben nicht. Beides ist in Ordnung. So oder so, ich sitze hier und höre zu.
Marnie nickte und schloss die Augen. Sie spürte den Flausch unter ihren Fingern. Das Feste des Bodens, das Weiche des Teppichs. Ein Mix wie der in ihrem Kopf.
Wir haben dann also recht intensiv geschrieben, fuhr sie irgendwann fort. Geflirtet. Gesextet, aber auf gesunde Art. Wir haben mal einen halben Tag nichts voneinander gehört, da schrieb er mir, dass er mich schon vermisst, ob das nicht weird ist. Telefoniert. Stundenlang. Mehrmals am Tag. Es war magisch. Magisch, weil es auf Gegenseitigkeit beruhte. Er hatte genau die gleiche Energie. Und ich war am Anfang, und wenn ich es recht überlege, die ganze Zeit sehr vorsichtig, hab dann aber irgendwann doch recht schnell die Hüllen fallen lassen, einfach weil … Ich weiß, warum. Weil es das Jahr des Feuerpferds ist. Ich glaube, deshalb habe ich ihn auch so gedrängt, mich zu daten.
Feuerpferd? hörte Marnie den Doktor fragen. Die Raufaser verschluckte das Echo sofort.
Ja, ich weiß, das klingt bescheuert und das ist es auch, aber nach meinem absolut beschissenen Jahr mit der Trennung vom Vater meines Kindes war ich hyped, dass es für uns Wassermänner dieses Jahr steil bergauf gehen soll, ich weiß nicht, ob Sie davon gehört hatten. Jahr des Feuerpferds und so, plus dass für den Wassermann angeblich eine lange miserable Zeit zu Ende gehen soll. Und ich dachte so, hey, das stimmt. Mein Leben war schon immer miserabel und da schickt mir das Universum direkt zu Beginn des Feuerpferdjahrs diesen Typen, der perfekt zu sein scheint, oder sagen wir, perfekt in seiner Unperfektion, und ich dachte so, okay, was ist das hier? Ist das hier endlich der Plottwist, ernsthaft? Passiert es tatsächlich? Und ich habe dem Universum geglaubt und bin all in gegangen. Und doch wieder auf die Fresse geflogen.
Wie sind Sie auf die Fresse geflogen? fragte der Doktor und Marnie musste schmunzeln, dass er ihre Wortwahl übernahm.
Er hat mich dann zu sich eingeladen, weil das hab ich ja noch gar nicht erzählt, er wohnt etwas weiter weg. Ich war direkt übers Wochenende bei ihm, in seiner Stadt. Und ich habe mir extra ein AirBnB genommen, um ihn nicht zu überfordern. Um uns nicht zu überfordern. Und ich hatte wahnsinnig viel Angst, wir würden uns im real life nicht gut riechen können oder so. Aber die Angst war unbegründet. Es war toll. Richtig toll. Ich hab sogar direkt ein paar Freunde von ihm kennengelernt. Eigentlich ging das alles zu schnell, aber Feuerpferd und so. Egal. Obwohl es unser erstes Treffen war, war es total unkompliziert und angenehm. Ich war trotz immer noch angezogener Handbremse entspannt, hab mich wohlgefühlt. Der Sex war gut, sehr gut. Er küsst gut. Es hätte alles einwandfrei laufen können, hätte ich nicht am Morgen meines Geburtstags geweint, was auch der Tag war, an dem ich dann wieder gefahren bin.
Warum haben Sie geweint?
Ich hab weinen müssen, weil ich mich irgendwie abgelehnt gefühlt hab. Den Tag vorher war’s schon off irgendwie, er war verändert. Also kann mein Weinen nicht sein Trigger gewesen sein.
Sie haben sich abgelehnt gefühlt?
Ja, er … Er wollte am Morgen meines Geburtstags nicht mit mir schlafen. Ich hatte gehofft, er würde mich mit einer Erektion aufwecken; stattdessen war es so, dass ich an ihm herumgefummelt hab, aber es war zwecklos. Und das war eher mein Trigger. Ich fühlte einfach, wie seine Begeisterung für mich gewichen war. Das hat wehgetan, da hab ich geweint. Und dann noch dieser ganze Geburtstagsdruck. Aber ich war stolz auf mich, dass ich den Schmerz nicht in mich hineingefressen hab, wie ich es sonst getan hätte. Er war auch verständnisvoll, aber hat mir dann erst am nächten Tag, als mein Geburtstag vorbei war und ich wieder zuhause eine lange Nachricht geschickt, in der er schrieb, dass er es nicht fühlt, kurz gesagt. Und ja, dann ist für mich alles eingebrochen. Ähm … Auf dem Weg nach Hause, also an meinem Geburtstag, hatte ich es schon geahnt, irgendwie. Er war dann auch den Rest des Tages schon so still. Ich hab auf der Fahrt nach Hause sehr viel weinen müssen und bin fast in den Gegenverkehr rein aus Versehen. Ich hab es gewusst. Ich hab alles verflucht. Und als ich die Nachricht dann bekam, bin ich zusammengebrochen.
Verständlich, sagte Hertz. Er sah Marnie mit traurigem Blick an und sie weinte wieder ein bisschen.
Wir sind aber wie gesagt doch Freunde geworden oder geblieben. Das ist ja, und das wissen Sie ja von mir, immer das Schlimmste für mich. Menschen, mit denen ich mich gut verstehe, aufzugeben. Oder aufgeben zu müssen. So ist er ein Teil meines Lebens geblieben, und das macht mich glücklich. Aber – und deshalb bin ich hier – ich hatte dennoch das Gefühl, Hilfe zu benötigen. Das alles einzuordnen. Das Ding ist, dieser Mann hat mir geholfen, endlich diesen einen anderen Mann vom Podest zu stoßen, aber jetzt ist er halt auf dem Podest. Gleichzeitig ist das jetzt mein bester Freund. Was gleichzeitig total schön ist und was ich so noch nicht erlebt habe, dass ich jemandem anscheinend vielleicht doch was bedeute oder genug bedeute, mich doch im eigenen Leben zu behalten, verstehen Sie? Es ist also eine beschissene Erfahrung und gleichzeitig die absolut beste Erfahrung gleichzeitig. Gleichzeitig, alles gleichzeitig. Und vielleicht brauche ich Sie auch gar nicht, um das einzuordnen, weil eigentlich weiß ich alles schon. Dieser Mann hat mir durch seine Freundschaft gezeigt, was Liebe ist, und nicht durch seine Liebe. Das klingt wirr, aber es ist ganz klar, verstehen Sie? Ich mein, ich liebe ihn, ich darf ihn lieben, weil er mir nicht abhanden gekommen ist. Würde ich jemals noch mal einen Versuch starten, da mehr passieren zu lassen? Nein. Weil, kurze Zeit später, nachdem sich der erste Schmerz gelegt hatte, hatte ich bisschen mit Freundschaft plus rumgedruckst, aber er hat mich da erneut abblitzen lassen. Und ja, deshalb. Eine dritte Abfuhr, warum sollte ich mir das geben. Würde ich aber einen Versuch seiner Seite abwehren? Und sehen Sie, das ist mein Problem, aber vielleicht ist das gar kein Problem? Okay. Vielleicht bin ich doch verwirrter, als ich zugeben mag. Wird das besser? Wird das erst besser, wenn ich mich wieder verliebe? Wird das schlimmer, wenn er sich verliebt? Wird es besser, wenn er sich verliebt? Ist das jetzt überhaupt von Bedeutung, was sein wird, irgendwann? Ich fühl mich ihm so nah. Wenn er zu Besuch ist, will ich ihn manchmal einfach nur knuffeln. Oder mich an ihn kuscheln. Darf man das? So platonisch?
Natürlich darf man das. Sie beide machen die Regeln, sagte der Doktor.
Ich will nicht, dass er denkt, dass ich ihm an die Wäsche will, wenn ich ihn knuffel. Also, ich will ihm an die Wäsche, aber Sie verstehen schon.
Sie sagten, dieser Mann hat Ihnen durch seine Freundschaft zu Ihnen gezeigt, was Liebe ist. Wie genau meinen Sie das?
Na ja, ich habe das Gefühl, das ist die ideale Art von Liebe. Ich lasse ihn los. Wie meinen Sohn, wissen Sie? Als Mutter liebt man ja auch heiß und innig, aber mein Job ist es nicht, mein Kind gefangen zu halten, sondern zu begleiten und aufs Leben vorzubereiten. Mein Kind gehört mir ja nicht. Ich bin nur zufällig da und ja, geboren habe ich das Kind, es ist für immer ein Teil von mir, wir sind für immer miteinander verknüpft und verbunden, wir haben einen unsichtbaren Vertrag und so weiter und so fort. Aber damit ist es auch getan. Ich darf mir nicht anmaßen, mehr zu sein. Und so ähnlich sehe ich das mit der Liebe zu diesem Mann auch. Und ich hätte Angst, wären wir romantisch miteinander verbunden, also ich und dieser Mann, ich hätte Angst, dass alles wieder eine falsche Gewichtung bekäme, wir in irgendwelche Muster reinfallen würden, und so sind wir einfach befreit und ich frage mich manchmal, warum sich Liebe zwischen Frau und Mann nicht genau so anfühlen kann, frei und ungebunden, unkompliziert, erwartungslos. Und somit haben wir eigentlich schon die perfekte Beziehung. Ergibt das einen Sinn?
Das ergibt einen Sinn. Und ich verstehe aber auch Ihre Frustration darüber, dass dieser Mann so früh die Reißleine gezogen hat und es nicht mit Ihnen versucht hat, so wie schön und toll sich das alles anhört. Das könnte eine schöne Liebe sein.
Joa. Marnie war bei ihrem dritten Taschentuch. Manchmal überkommt mich halt die Wut. Die Unverständnis darüber, dass er es nicht mal versucht hat mit mir. Ich mein, was ist eigentlich sein scheiß Problem? Hängt der wirklich so an seinen Exen? Oder bin ich es tatsächlich, liegt es an mir und nicht an ihm? Weil, mit denen hat er es ja auch versucht. Ist ihm mein Arsch zu fett? Meine Titten zu groß? Mag er mein Gesicht nicht? Sind es die Piercings? Ist was mit meiner Pussy nicht in Ordnung? Bin ich ihm allgemein zu dick? Steht er auf kleine, knochige Ärsche? Bin ich ihm zu witzig? Zu smart, zu intelligent? Nicht hübsch genug? Sind es ihm zu viele Gemeinsamkeiten? Hasst er es insgeheim, sich mit einer Frau auf Augenhöhe zu unterhalten und hätte er lieber ein Mäuschen, das er easy manipulieren kann? Will er eine Frau, die er jagen kann, die ihm Unsicherheit statt Sicherheit schenkt, weil das für ihn Liebe bedeutet? Wenn er von seinen Exen oder anderen Frauen spricht, das triggert mich manchmal hart. Was haben diese Frauen, was ich nicht habe, dass ich ihn nicht von mir überzeugen konnte, eine Liebesbeziehung mit mir einzugehen. All mein Humor, mein Witz, mein Intellekt, mein Nischenwissen nützen nichts, weil selbst ein Mann, der all das selbst besitzt, kein romantisches Interesse an mir hat. Ich denke manchmal, er hat gemerkt, dass er zu viel an dir selbst arbeiten müsste, um mit mir zu sein. Dass ich eine Frau bin, der man nichts vormachen kann. Ich bin eifersüchtig und will es nicht sein. Wissen Sie, es ist einfach rejection to my core. Weil ich trotz meiner Internet- und Popkultur-Literacy den Deal nicht an Land ziehen konnte. Hier haben mich weder my Looks noch my Brains ans Ziel gebracht. Und deshalb tut es so verdammt weh. Und dann dieser Schock, wissen Sie. Es macht mich manchmal so schrecklich wütend, dass das Ende so abrupt kam. Wenn er so gefühlt von der halben Frauenwelt erzählt, fühle ich mich, als wäre ich nie passiert. Als hätte ich mir alles nur eingebildet. Und dabei hat er zu Beginn geschrieben: Ich bin maximal glücklich, ausgerechnet dich getroffen zu haben. Manchmal lese ich mir alte Nachrichten durch, damit ich nicht verrückt werde.
Was mögen Sie an diesem Mann besonders? fragte der Doktor.
Oh. Vieles. Er sieht gut aus. Moderat attraktiv ist er, würde ich sagen. Er ist groß, und ich steh nicht mal besonders auf große Männer. Ich finde große Männer albern. Die ideale Manngröße bewegt sich zwischen 1,82 m und 1,92 m. Ich habe vergessen, wie groß er ist. Ich glaube, er ist 1,95 m. Uns trennen 22 cm. Ich glaube, das ist auch die Länge seines Schwanzes. Er hat sowieso diese Big Dick Energy, die einen so wohlig einnimmt, keine Ahnung.
Mmh, summte der Doktor.
Er hat voll das schöne Lächeln; er hat so einen süßen schiefen Zahn. Er hat echt nice Lippen für einen Mann. Er hat Tattoos. Und wahnsinnig schöne Beine, ich mag ja schöne Beine bei Männern. Also, so die Optik stimmt halt. Er ist zu mindestens 67 Prozent voll mein Typ. Aber das ist eben nur Nebensache, weil sein Charakter das ist, was mir gefällt. Er ist großzügig. Freundlich. Höflich. Open-minded. Hat einen gesunden Menschenverstand. Interessiert sich für Politik und Weltgeschehen. Sein Humor. Sein fucking Humor, der macht mich fertig. Ich hab noch nie einen Mann getroffen, der lustiger ist als ich, und dann kommt er um die Ecke. Sie haben nicht die leiseste Ahnung davon, wie wir miteinander lachen können. Es ist, als hätte uns jemand geschrieben. Wir sind wie Don Draper und Peggy Olson, aber in The Office. Er ist intelligent, wirklich intelligent. Er ist ein neurodivergenter Trottel. Ich liebe das. Und er hat ein unglaublich imposantes Nischenwissen. Sie wissen doch, Herr Doktor, dass das genau das ist, was ich brauche. Jemanden auf Augenhöhe. Der mich intellektuell stimuliert.
Ja, sagte der Doktor. Und ich freue mich, dass sie so jemanden gefunden haben, auch wenn dieser Jemand nicht wie erhofft ihr Partner geworden ist.
Aber warum hat er es denn nicht mal mit mir versucht?
Marnie sah den Doktor mit nassen Augen an. Er sah die Verzweiflung in ihr und wusste für einen Moment nicht, was zu tun ist. Was vielleicht daran lag, dass er selbst gerade Kummer wegen einer Frau hatte.
Frau Kummer, sagte er dann. Es bringt nichts, darüber nachzudenken. Es ist eine Floskel, aber seine Entscheidung hat am Ende wirklich nichts mit Ihnen zu tun. Ich weiß, wie sehr das am eigenen Ego kratzt, glauben Sie mir. Aber Sie haben mit all Ihren Beobachtungen recht: Er wäre Ihnen nicht gerecht geworden und hat seine Kapazitäten schwinden gefühlt, womöglich spätestens, als er sie hat weinen sehen. Sie haben selbst gesagt, dass er viele Traumata mitbringt. Sie hätten sich in einer Beziehung mit diesem Mann vielleicht wieder kleiner gemacht, und das wollen wir ja nicht mehr tun.
Marnie nickte und trank ihr Wasser aus. Das Glas war … leer.
Ich will ihn nicht verlieren. Ich lieb ihn. Aus der Ferne, wenn’s sein muss.
Der Doktor nickte.
Verständnisvoll.
Juli 2026