Nur der Versuch einer Inventur
Ich bin 39 Jahre alt und werde im Februar 40. Ich bin Wassermann. Ich habe zwei braune Augen, eine Nase, zwei Ohren. Zwei Arme, zwei Beine, zwei Füße, zwei Hände. Ich habe noch alle Organe. Mir wurde nichts entnommen (glaub ich).
Meine Haare sind dunkel- oder mittelblond. Als Kind hatte ich hellblonde Haare. Sie waren lang, sehr lang, bis sich Kaugummi in ihnen verklebt hatte, dann mussten sie abgeschnitten werden.
Ich schneide mir die Haare selbst. Ich habe kein Geld für den Friseur. Ich habe schon einige graue Haare und werde sie nicht überfärben.
Ich wäre gern blonder. Aber ich beschwere mich nicht.
Ich habe ständig Augenringe und Augenschatten. Mein Sohn sagt manchmal, ich sähe aus wie Imperator Palpatine. Daraus schlussfolgere ich für mich, dass ich ohne Concealer nicht mehr vor die Tür gehe.
Ich glaube, ich trinke zu wenig Wasser.
Ich habe mich ewig nicht gewogen. Mein Gewicht schwankt im Prinzip ständig zwischen 69 und 73 Kilo.
Das mit den 69 kg ist gelogen. 69 kg wären nice. Und wenn ich 67 Kilo wiegen würde, wäre ich mehr als zufrieden, vielleicht sogar glücklich. Ich habe ein gestörtes Verhältnis zu Essen, das ich mittlerweile aber etwas geheilt habe. Als Kind habe ich sehr viele Süßigkeiten in mich hineingefressen (vorzugsweise Dinge wie After Eight und Yogurette, ich weiß, wild) und wurde dann irgendwie immer dicker und dicker, keine Ahnung, warum. Ich habe erst später verstanden, dass ich nur versucht habe, die Leere in mir zu füllen. Und das macht man halt nicht mit Paprika.
Ich habe eine beste Freundin und einen besten Freund, mit dem ich mal was hatte (glaub ich). Mit der Freundin hatte ich nichts, uns wurde schon aber eine Liebesbeziehung angedichtet (was ein Indiz für unsere mehr als innige Freundschaft ist).
Ich habe einen 13 Jahre älteren Bruder, den ich sehr liebe.
Apropos dreizehn, ich hatte circa 13 Sexualpartner, je nachdem, was man darunter versteht.
Ich lasse mich gerade scheiden. 2013(!) habe ich geheiratet. Ich habe einen Sohn. Für meinen Sohn würde ich alles tun, sogar Puddinghaut essen.
Es gibt oder gab mehrere wichtige Männer in meinem Leben. Alles beginnt mit meinem Vater. Mein Vater lebt nicht mehr. Das Herz meines Vaters hat im Sommer 2023 aufgehört zu schlagen, ziemlich unangekündigt. Und obwohl ich mich von meinem Vater nie wirklich gesehen gefühlt habe, fehlt er mir.
Ich wurde auf romantischer Ebene noch nie so zurückgeliebt, wie ich es bräuchte.
Meine letzte Liason hat meinen Glauben an ein Happy End im Sinne von Disney für mich schwer erschüttert. Ich ziehe mich auf unbestimmte Zeit zurück. Ist ok, weil Disney ist auch nur ein weiteres satanistisches Unternehmen.
Ich wohne zur Miete. Über dem Fenster an meiner Spüle hängt eine Lichterkette, bei der ich seit Monaten die Batterie austauschen muss.
Ich besitze offiziell undiagnostiziert: Autismus, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, Prämenstruelle Dysphorische Störung, komplexe Postraumatische Belastungsstörung, Perimenopause, Vaterkomplex, eine Prise Mutterkomplex.
Offiziell diagnostiziert besitze ich: Rezividierende Depression, Dysthymie, Soziale Phobie, Angststörung.
Als Teenager habe ich mich regelmäßig absichtlich mit heißem Wasser verbrannt.
Ich muss immer googlen, wie man Ayahuasca schreibt.
Die drei glücklichsten Momente meines Lebens:
Als mir mein Sohn nach der Geburt auf die Brust gelegt wurde. Sein Gewicht, sein Gesicht, der Geruch von Blut überall. Die Erschöpfung.
Auf Pilzen in Amsterdam (gleichzeitig auch eines meiner traurigsten und einsamsten Erlebnisse.)
Die Nacht im Hotel mit einem Mann, in den ich sehr verliebt war.
Außerdem bin ich Alkoholikerin. Äh, trocken. Seit dem 1. Dezember 2024 habe ich nichts mehr getrunken. Meine letzten alkoholischen Getränke waren sechs bis sieben Mad Dogs (also Wodkashots mit Himbeersirup und Tabasco) und zwei Glühwein, und diese Mischung hat mich hart in die Nüchternheit getreten, endlich. Ich schäme mich allerdings, dass mein letztes Glas nicht ein guter Whisky war oder ein schönes Glas Wein.
Mir wurden in meinem Leben so wenig Fragen gestellt, dass wenn sich tatsächlich jemand für mich interessiert, ich paralysiert rumstammle. Ich kann nicht von allein über mich erzählen, weswegen ich in Smalltalk-Runden immer versage. Oder diejenige bin, die nur Fragen stellt, und da die meisten immer gerne von sich erzählen, fällt das so gut wie nie auf. Rückfragen stellt selten jemand.
Ich hab so eine Art Sandkorn im Knie, aber niemand weiß, wie es dorthin gekommen ist. Außerdem schwindet mein Knorpel und irgendwann werde ich vermutlich massive Schmerzen beim Gehen haben. Ich plane, mir einen Gehstock mit silbernem Totenkopf zu besorgen und die schrullige Schriftstellerin aus deiner Nachbarschaft zu werden.
Mir geht’s gut allein, sehne mich aber hin und wieder nach jemandem, der mich in den Arm nimmt und mich streichelt. Mir sagt, dass alles gut wird. Mir vielleicht ab und zu ein Kompliment macht. Oder für mich mal saugt und wischt (ich hasse saugen und wischen).
Mein Sohn sagt, wenn ich mit vierzig noch Single bin, soll ich zu First Dates. Ich will da aber nicht hin, aber nur, weil ich mein Profil so hasse (beide Seiten).
Ich glaube, ich vertraue Männern nicht mehr. Ich gebe allerdings auch viel zu schnell alles, also alles gut, mein Fehler.
Ich bin arbeitslos. Ich habe studiert, habe eine Ausbildung gemacht, hab Talent, aber ich bin arbeitslos. Es ist mir ein bisschen gleichgültig. Aber essen muss man.
Ich habe schon so oft am Existenzminimum gelebt, dass mich nichts mehr schreckt.
Doch. Ich habe Angst vor dem Sterben und vor dem Kranksein. Ich habe Angst davor, dass danach nichts ist.
Das hier ist nur der Versuch einer Inventur. Ich versuche mich selbst zu dokumentieren, aber alles, was ich erlebe, ist im Moment des Erlebens schon vorbei. Und das alles, bin das überhaupt ich? Ich bin, ich habe, ich träume noch so vieles mehr. Ist es nicht verrückt, dass jede Entscheidung, die ich je getroffen habe, mich hierhin, auf diese Bühne gebracht hat?
Das Leben ist kein Fließtext, leider. Und doch fließt es, als eine Aneinanderreihung von Momenten, Situationen, Gefühlen, Erinnerungen, Perversionen.
Wir setzen die Stücke eines Puzzles zusammen, dessen Endbild wir selbst nie werden betrachten können. Es ist wie ein Kaleidoskop, in das wir hineinschauen. Bruchstücke in allen Formen und Farben setzen sich zu einer Vision zusammen, doch sobald wir uns bewegen, ist es weg.
Wir sehen:
Totes, Lebendiges, Grünes, Gelbes, Blaues, Ryan Gosling, Weizenfelder, blaue Augen, Sonnenstrahlen, eine heiße Dusche, dieser eine Kuss, barfuß, Petrichor, Tom Ford, Popcorn im Kino mit dir, Wellen, Wind, Knoblauch, umfallen, hecheln, saure Sahne, Sonderangebot, Bauchkrämpfe, Schreibtisch, Panik, ich drück dich, Herz-Emoji, Podcasts mit weißen Männern, der Glitch, das Déjà-vu, Discokugel, der Hot Dog ohne Gürkchen, Streamingdienst, Fruchtfleisch, Keramik, Gewitter, Schwarz vor Augen, Coke Zero, Teddybär, Pinien, Intervallfasten, Blut, dein Lachen, mein Lachen, Diamantschliff, Autobahn, dieser eine komische Typ in der Stadt, kein Bargeld dabei, Weihnachtsbaum, blauer Fleck, gelber Fleck, Leberfleck, Krebs, rosa Himmel, Jazzkonzert, Flirt ohne Zukunft, Markus Lanz, hey wie geht’s dir, die Nacht durchmachen, zu viel trinken, zu viel rauchen, zu viel Sorgen, springen, umknicken, aufstehen, tanzen, Plasma, Sommerkino, alkoholfrei bitte, ins Kissen schreien, Reichweite, ich muss endlich Breaking Bad nachholen, Absacker, Mieterhöhung, Schweinelaster, Bares für Rares, demonstrieren, Jahresrückblick, Blasenentzündung, delegieren, warten, schwitzen, Earl Grey, Therapie, kuscheln, am Grab stehen, Liebe machen.
Liebe machen.
Liebe senden.
Liebe empfangen.
Liebe haben.
Liebe sein.
Lieb sein.
Alles, was zählt, ist jetzt. Also: Seid lieb zueinander.
Dieser Text wurde eigens für die Lesung am 13. September 2026 im Literaturmuseum Haus Nottbeck geschrieben.
August 2026